Teil 2: …zur pommerschen Spitze

Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler wurde der deutsche Ligafußball reformiert. Die vormals ausgespielten Regionalmeisterschaften wurden durch eine neue oberste Spielklasse, die Gauliga ersetzt. Zur Saison 1933/34 entstanden 16 Gauligen, deren Meister anschließend in einer Endrunde den Deutschen Meister ausspielen sollten. Unterhalb der Gauliga existierte die Bezirksliga und unter dieser wiederum die Kreisliga. Aufgrund der geografischen Größe wurden in der Gau Pommern zwei Staffeln eingeführt; West und Ost. In der Staffel West gingen in der Saison 1933/34 folgende Mannschaften an den Start: Victoria Stralsund, Greifswalder SC, PSV Stettin, Preußen Stettin, VfL Stettin, VfB Stettin sowie der Stettiner SC. Auf Befehl des pommerschen Gauführers Borchert musste jeder Verein nun zudem nach dem „Führerprinzip” geleitet werden. Statt eines Vereinsvorsitzenden gab es nun den Vereinsführer. Die Politik wurde somit auch auf den Sport übertragen.

In der Bezirksliga Vorpommern startete ein neuer Greifswalder Verein. Das hiesige Bataillon gründete den Militärsportverein „Graf Schwerin.” Neben einer Fußballmannschaft stellte „Graf Schwerin“ außerdem noch Boxer und Leichtathleten. Das Potenzial dieser Mannschaft schwankte mit dem Niveau der rekrutierten Soldaten. Das erste Achtungszeichen setzte der neue Verein im Herbst, als die Soldaten beim Freundschaftsspiel „Im Dienst der Winterhilfe” die GSC-Gauliga-Truppe mit 5 zu 2 abfertigte. Die Greifswalder Zeitung schrieb sogar, dass die Soldaten nun die Führung im Greifswalder Fußballsport übernommen hätten. Zum Glück trat diese Entwicklung aber nie ein. Doch was geschah mit dem wahren Ortsrivalen? Der ehemals stärkste sportliche Konkurrent in der Hansestadt, der SC Preußen, wurde in die Kreisliga zurückgestuft und konnten nie wieder an die Erfolge früherer Spielzeiten anknüpfen.

Der Start in die neue Welt des Erstliga-Fußballs verlief für die Rothosen alles andere als glücklich; zwar wurde das erste Heimspiel am 3. September 1933 nur knapp mit 3 zu 4 gegen den VfL verloren, es folgten jedoch drei Klatschen in Folge, so dass das Spiel bei der Victoria in Stralsund schon Endspielcharakter besaß. Da es nur einen Absteiger aus der Gauliga geben sollte, war nur ein Frage zu beantworten: Greifswald oder Stralsund? Die Stralsunder, die auch noch punktelos waren (und in der ganzen Saison nur zwei am grünen Tisch gewinnen sollten), mussten sich den überlegenden Greifswaldern geschlagen geben: Drei Mal Bahls und einmal Jasmund fuhren die halbe Miete zum Klassenerhalt ein. Mit neuem Selbstbewusstsein fuhr der GSC nun zu seinen Spielen nach Stettin. Am 3. Dezember war es soweit und der GSC konnte seinen ersten Erfolg in der Gauliga über eine Stettiner Mannschaft feiern. Im Preußenstadion an den Stoewerwerken wurden die Stettiner Preußen mit 9 zu 3 abgeschossen. Jasmund steuert allein fünf Tore zu diesem historischen Sieg bei. Das letzte Pflichtspiel im Jahre 1933 ergab ein Treffen mit den Polizisten aus Stettin; und wieder gab es eine hohe Niederlage. Auf schneebedecktem Boden gewann der PSV mit 6 zu 1.

Das Jahr 1934 begann verheißungsvoll. Sieben Treffer erzielte “Jack” Jasmund beim 9 zu 2 über die nur mit zehn Mann angetretene Victoria aus Stralsund; ein Rekord für die Ewigkeit. Nur  zwei Spieltage später folgte der nächste Rekord; diesmal jedoch im negativen Sinn: gegen den späteren Meister, den Stettiner SC, wurde in der heimischen Kampfbahn mit 0 zu 9 verloren. Trotz dieses Rückschlags konnte der GSC zum Ende der Saison mit sieben Punkten die Klasse halten. In der Vorbereitung zum Pommernpokal schlug der GSC die Preußen aus Greifswald mit 10 zu 1. In der ersten Runde wartete der nächste Lokalrivale; Graf Schwerin. Der GSC nutzte die Chance zur Revanche für die Niederlage im letzten Aufeinandertreffen und gewann mit 5 zu 3. Durch Siege über Richtenberg und Garz qualifizierte sich der GSC zur Endrunde um den Pommernpokal. Der freie Monat vor der nächsten Pokalrunde wurde für die traditionellen Städtespiele genutzt. Vor 1.500 Zuschauern wurde zunächst – mit neun Mann des GSC –  Stralsund nach einem 0-zu-2-Rückstand, noch mit 7 zu 2 nach Hause geschickt. Einen Monat später kam die Stettiner Stadtauswahl, wenn auch nicht mit der bestmöglichen Aufstellung, in die Greifswalder Kampfbahn. Die 1.200 Zuschauer sahen eine gute Greifswalder Elf mit einem herausragenden Liebenow. Der „blonde Emil”, einer von sieben Rothosen in der Stadtauswahl, führte unsere Stadt zu einem niemals möglich gehaltenen 4-zu-3-Erfolg.

Dieser Erfolg beflügelte scheinbar die ganze Mannschaft; mit 7 zu 3 gewann der GSC sein Pokalauswärtsspiel beim VfL Stettin. In der Schlussrunde der Gau Pommern-West traf der GSC auf die überraschend weit gekommene Stralsunder Concordia. Auch dieses Spiel konnten die Greifswalder siegreich gestalten, so dass der Einzug ins Halbfinale des Pommerschen Pokals gefeiert werden konnte. Das Losglück meinte es gut und der GSC bekam ein Heimspiel gegen Kolberg 1910. Kolberg, die unter anderem den Stettiner SC aus dem Pokal geworfen hatten, fanden aber in Bahls ihren Meister. Mit seinen fünf Toren zeigte er den 400 zahlenden Zuschauern seine ganze Klasse. Nun waren die Rothosen dort angelangt, wo sie niemand erwartet hätte: im Endspiel des Pommernpokals um das von der Pommerschen Zeitung gestiftete “Silberschild”.

Aber wie so oft in der Historie des Greifswalder Sportclubs gelang nicht der große Coup. Der Endspielgegner war niemand geringeres als Victoria Stolp, der amtierende Pommernmeister und die Übermannschaft der Gau Pommern-Ost. Das Endspiel sollte zunächst in Stolp stattfinden, wurde dann aber zweimal abgesagt. Als nächster Austragungsort war Stettin vorgesehen, aber auch diese Ansetzung musste wieder abgesagt werden. Schließlich einigten sich beide Vereine auf den 22. Dezember 1935 (also knapp anderthalb Jahre nach Austragung des Halbfinales) und den Spielort Greifswald. Zu diesem Zeitpunkt war der GSC ungeschlagener Tabellenführer der Gauliga Pommern-West und Stolp der selbige der Gauliga Ost. Das Endspiel musste nach DFB-Bestimmungen bis zum 31. Dezember 1935 über die Bühne gehen, da ab 1936 nur noch der Tschammer-Pokal bundesweit ausgespielt werden sollte. Das Endspiel wurde aber erneut und ohne erkenntlichen Grund abgesagt und nie ausgetragen.

So ging der GSC als Pokalfinalist in seine zweite Gauligasaison. Durch den Abstieg des Stralsunder SV 07 und den Aufstieg von Comet Stettin war der GSC das einzige Team, das nicht in Stettin beheimatet war. Die gesammelten Erfahrungen aus der ersten Gauligaspielzeiten sowie dem Pokalwettbewerb verbesserten den GSC stetig, so dass am Ende ein fünfter Platz  vor Comet und dem VfL erreicht wurde. Ausrufezeichen setzten die Rothosen mit einem 1 zu 0 gegen den späteren Vizemeister PSV Stettin sowie einem 1 zu 1 gegen den späteren Meister, den Stettiner SC. Mit dem Sportsfreund Krohn wechselte erstmals ein Spieler aus Stettin nach Greifswald. Zunächst als Rechtsaußen spielend, fand er später seine Idealposition als linker Verteidiger. Die Pokalserie war in der Spielzeit 34/35 recht schnell beendet. Schon in der ersten Runde scheiterte der GSC am Stettiner Bezirksligisten Nordring.

In der Vorbereitung zur neuen Saison veranstaltete der GSC erstmals sein eigenes Turnier. Dieses konnte im Finale mit 7 zu 1 gegen den SC Preußen Greifswald siegreich gestaltet werden. Die Meisterschaft 1935/36 startete für den GSC Ende September. Zum nun schon dritten Mal waren die Rothosen in der Gauliga Pommern-West vertreten; die Gegner waren außer dem Neuling Blücher Gollnow alte Bekannten; es zog so etwas wie Routine ein. Das 3-zu-3-Unentschieden im ersten Spiel beim VfB ging in der Presse fast unter; ein Unentschieden in Stettin war mittlerweile keine Sensation mehr. Am zweiten Spieltag, fast eine Monat später, geschah Überraschendes. Der Vorjahresmeister aus Stettin, der SSC empfing den GSC und ging auch prompt in Führung. Die Rothosen kamen aber durch Bahls zurück ins Spiel und schaukelten das Unentschieden sogar in Unterzahl nach Hause. Die Stettiner Presse, die dies noch als „Eintagsfliege” bezeichnete, sah sich nach dem nächsten Spieltag aber in seiner Behauptung getäuscht. Unter anderem durch vier Treffer beziehungsweise „Bomben“ – wie die Greifswalder Zeitung im militärischen Sprachjargon schrieb – von „Jack” Jasmund wurde der Liganeuling Blücher Gollnow mit 5 zu 1 nach Hause geschossen. Ungeschlagen reisten die Rothosen zum VfL und gewannen auch dort mit 4 zu 1. Als ungeschlagener Tabellenzweiter empfing der GSC nun den Tabellenführer Preußen Stettin.

Durch die erfolgreichen Spiele wuchs auch das Zuschauerinteresse in der Hansestadt. Was den 800 Zuschauern im Spiel gegen Preußen Stettin geboten wurde, konnte zurückblickend als Werbung für den Fußballsport bezeichnet werden. Angetrieben von Hupen und den „HA HO HE – GREIFSWALDER SC”-Schlachtrufen der Fans spielte sich der GSC in einen Rausch. Die Greifswalder Manndecker waren fast ohne Arbeit, da die Abteilung Sturm das Preußen-Tor komplett belagert. Mit 9 zu 1 Ecken und einem für die Stettiner schmeichelhaften 0 zu 0 ging es in die Kabinen. Die Rothosen machten in der zweiten Halbzeit dort weiter wo sie beim Pausenpfiff aufgehört hatten. Jedoch nutzten sie nun die Chancen und deklassierten die Preußen mit 6 zu 0. Zum ersten Mal in der Geschichte waren die Greifswalder Tabellenführer in der Gauliga und die lokale Presse schrieb zum ersten Mal von einer möglichen Meisterschaft. Die Spitzenspiele folgten nun im Wochentakt. Ein Wochenende später kam der Stettiner Angstgegner, der PSV, zum neuerlichen Spitzenspiel in die Kampfbahn. Aber auch die Polizisten wurden abgefertigt; nach einer überragenden Leistung von Endrussat gewann der GSC mit 5 zu 2. In der Stadt ging nun das Fußballfieber um. Wiederrum eine Woche später gastierte der amtierende Meister und noch ungeschlagene Tabellenzweite, der SSC in der Kampfbahn. Vor der stattlichen Kulisse von 1.000 Zuschauern boten die Rothosen in der ersten Halbzeit eine Galavorstellung und führten schnell mit 2 zu 0. Doch in Hälfte zwei wurde die große Chance auf eine Vorentscheidung um die Meisterschaft vergeben; 2 zu 2 lautete das Endergebnis und beide Mannschaften wahrten den Status „ungeschlagen“.

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Mit einem Sieg über den VfL beendete der GSC das Meisterschaftsjahr 1935. Die Greifswalder Fußballgemeinde wartete nun noch auf das auf das letzte Highlight, das Endspiel um den Pommernpokal des Jahres 1934 gegen Victoria Stolp. Das Gipfeltreffen der beiden Tabellenführer der Gauliga Pommern West sowie Ost sollte aber nie ausgetragen werden. Der Meisterschaftsspielplan sah zwei Tage nach dem zehnjährigen Vereinsjubiläum des GSC das Auswärtsspiel beim PSV vor. Für die Polizisten war es die letzte kleine Chance auf die Meisterschaft, die Rothosen wiederum hätte sich weiter von ihren Verfolgern absetzen können. Da der GSC nicht ganz ohne Unterstützung auskommen wollte, bot der Verein den Fans an, im Mannschaftsbus mit nach Stettin zu fahren. Die Nachfrage war so groß, dass der ganze Bus mit Fans gefüllt wurde, während die Mannschaft die viel längere Zugreise auf sich nehmen musste.  Dumm für die Mannschaft, dass das Interesse so groß war, dass sich zu viele Fans meldeten. An diesem kalten 5. Januar drängten sich, für die pommersche Gauliga, unglaubliche 2.500 Zuschauer ins Stadion Hakenterasse an der Falkenwalder Straße in Stettin. Angetrieben von den Zuschauermassen schossen die Starspieler des PSV, Pfeisser und Bilecke, den GSC fast im Alleingang mit 5 zu 1 ab. Ein herber Rückschlag für die Meisterschaftsambitionen der Hansestädter sowie die erste Saisonniederlage.

Da der SSC sein Spiel gewann, waren die Stettiner nun Tabellenführer. Zudem mussten sie nur noch zwei Spiele absolvieren, während der GSC noch dreimal antreten musste. Nichtsdestotrotz besaßen die Greifswalder das bessere Torverhältnis. Mit drei Siegen hätte der GSC noch die Meisterschaft nach Greifswald holen können. Eine Woche nach der ersten Niederlage gastierte der GSC in Gollnow, einer Kleinstadt nordöstlich von Stettin. Verbissen kämpfte der Aufsteiger gegen den Abstieg in die Bezirksliga und musste sich im letzten Heimspiel im Stadion „Im Walde“ nur knapp mit 1 zu 2 dem SSC geschlagen geben. Der GSC trat in Bestbesetzung an musste aber mit einer 0-zu-2-Niederlage im Gepäck die Heimreise antreten. Der SSC gewann am selben Spieltag mit 4 zu 2 bei den Preußen und hatte nun alle Trümpfe in der Hand. Bevor beide Mannschaften am 2. Februar ihr letztes Spiel absolvierten, musste der GSC auch noch bei den Preußen antreten. Mit einem 3-zu-0-Auswärtserfolg kehrten die Rothosen heim und waren nun auf Schützenhilfe angewiesen. Am letzten Spieltag empfing der GSC den VfB während der SSC den VfL zu Gast hatte. Die Ausgangslage war klar: der SSC musste verlieren, der GSC gewinnen. Der VfL war zwar Tabellenletzter hätte mit einem Sieg aber noch zum SC Blücher Gollnow aufschließen können, der VfB hingegen war im gesicherten Niemandsland der Tabelle. Bereits zur Halbzeit führten die Rothosen 5 zu 0, am Ende stand es 13 zu 1 für den GSC. Sechsmal traf alleine Bahls zum rekordverdächtigen Sieg – aber es sollte nicht reichen. Mit 2 zu 0 erledigte der SSC seine Hausaufgaben und wurde Meister der Gauliga Pommern West. Dem GSC blieben am Ende nur die Konjunktive.

Abwehrspieler Emil Liebenow, der einzige GSC-Spieler neben Herbert Endrussat, der Pommern auch in einem Reichsbundpokalspiel vertrat, wollte seine Schuhe an den Nagel hängen. Glücklicherweise konnte der der „blonde Emil”  aber überzeugt werden weiter zu machen und lief in der Zwischenrunde zum Tschammerpokal gegen den SSC wieder auf. In diesem Pokalspiel deklassierten die Rothosen den Meister und zeigten den 1.000 Zuschauern eine Galavorstellung: mit 7 zu 2 wurden die Stettiner abgefertigt und ein wenig Widergutmachung hinsichtlich der verpassten Meisterschaft unternommen. Vor der Teilnahme an der reichsweit ausgetragenen Schlussrunde des Tschammerpokals stand aber noch die zweite Zwischenrunde, in der die Mannschaften aus den Gauen Ostpreußen, Berlin-Brandenburg, Schlesien und Pommern die Teilnehmer ermittelten. Nicht gerade Losglück ereilte die Hansestädter. Zwar wurde dem GSC ein Heimspiel zugelost, der Gegner war aber ein Berliner Gauligist: Wacker 04. 1.200 Zuschauer wurden Zeugen wie sich die Rothosen achtbar aus der Affäre zogen und nur mit 0 zu 2, gegen den später erst im Achtelfinale gegen Werder Bremen ausgeschiedenen Gegner, unterlagen. Gegen Wacker 04 lief beim GSC zum zweiten Mal mit einem neuen Mittelläufer auf. Nach der verpassten Meisterschaft kam in der Presse Kritik an Herbert Endrussat auf; Hinz hieß der neue Mann in der Schaltzentrale des Greifswalder Mittelfeldes, der Endrussat in den Sturm verdrängte. Ein aus Stettin stammender Student der zudem SA Sturmführer war, sollte die Rothosen zu neuen Erfolgen führen. Gegenüber dem politisch scheinbar untätigen Endrussat, war Hinz natürlich eine den politischen Verhältnissen entsprechende Neubesetzung in der Schaltzentrale.

Die neue Saison stellte den GSC vor einige Probleme. Da der Gauleiter eine sportliche Verbesserung der Gauliga Pommern erzielen wollte, wurde beschlossen, ab dem Spieljahr 1937/38 die Staffeln Ost und West zu einer eingleisigen Liga mit zehn Vereinen zusammenzuführen. Diese Idee brachte dem Gauleiter aber auch viel Kritik ein. Die sportliche Verbesserung der Teams war nicht anzuzweifeln, aber durfte auch nicht der finanzielle Aspekt vergessen werden. Pommerns Fläche war enorm; von Greifswald waren es fast 500 Km bis nach Stolp beziehungsweise Lauenburg, den östlichsten Teilnehmer der Gauliga Pommern. In der damaligen Zeit eine ziemlich große Entfernung und einmalig in ganz Fußballdeutschland. Der Verband schuf Abhilfe, indem Bahnrabatte ermöglicht wurden. Finanziell war diese „neue” Gauliga Pommern daher gesichert, es fehlte also nur noch die sportliche Qualifikation. Und diese wurde erschwert durch eine Personalie; Herbert Endrussat wechselte nach Stralsund zum SV 07. Die Greifswalder Zeitung schrieb zwar von einem „berufsbedingten Wechsel“, jedoch könnte die sportliche Degradierung auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Somit mussten die Rothosen ohne den Kopf der Mannschaft mindestens Platz vier erreichen um die Qualifikation zu schaffen.

Die Saison 1936/37 war ein ständiges Auf und Ab, aber immerhin blieb der GSC immer unter den ersten drei der Tabelle. Mit sechs Punkten Vorsprung vor den Rothosen wurde der PSV Stettin vor dem SSC Erster. Nur ein Spiel konnten die Rothosen gegen die beiden Stettiner Vereine gewinnen, dafür wurde aber auch nur ein Spiel gegen eine schlechter platzierte Mannschaft verloren. Der Zuschauerschnitt stagnierte bei einem Durchschnitt von 600 pro Spiel. Für Abwechslung sorgte wieder der Tschammerpokal, der wieder nach der Gauligameisterschaft ausgetragen wurde. In der regionalen Vorrunde gewann der GSC beim Bezirksligisten Concordia Stralsund mit 2 zu 1. Die zweite Hürde, die Mannschaft von Reichsbahn Stettin, wurde mit 3 zu 1 genommen, so dass zum zweiten Mal die zweite Zwischenrunde erreicht werden konnte. Von Losglück konnte dann aber auf keinen Fall die Rede sein, denn dem GSC wurde Herbert Endrussats Ex-Verein, der Berliner SV 92 zugelost. Und wie schon 1933 hatte der GSC kein Heimrecht. Statt dem neutralen Stettin mussten die Rothosen diesmal in die Reichshauptstadt reisen. Die „Störche“, Vizemeister der Gauliga Berlin-Brandenburg galten zu diesem Zeitpunkt als technisch beste Mannschaft der Reichshauptstadt. Im BSV-Stadion Schmargendorf liefen die Störche fast in Bestbesetzung auf. Nur der Nationalspieler Hans Appel fehlte in der Startformation. Der GSC begann voller Ehrfurcht vor dem großen Gegner und lag schnell nach einem Missverständnis zwischen Torwart Grube und Verteidiger Lotsch mit 0 zu 1 hinten. Im Gegenzug zeigten die Rothosen, dass sie auch Fußballspielen können. Nur durch ein klares Handspiel eines Abwehrspielers – so jedenfalls notierte es die Greifswalder Zeitung – konnte der BSV ein Tor verhindern. Statt auf Elfmeter entschied der Unparteiische aber auf Weiterspielen. Die Greifswalder steckten aber nicht den Kopf in den Sand, sondern spielten weiter mutig nach vorne. Ecke um Ecke wurde erkämpft und als Reino Järvinen – ein Finnischlektor der Universität und seit 1936 im Dienste der Rothosen – mit einem Schuss nur die Latte traf, stockte einigen Berliner wohl der Atem. Das Tor machten dann aber kurz vor der Pause die Berliner. Zwar ging es hier nach Ansicht der Greifswalder Zeitung auch mit unrechten Dingen zu, denn Torschütze Reitz soll die Hand benutzt haben, aber der Schiedsrichter entschied auf Tor. Bis zum 0 zu 3 in der 60. Minuten konnten die Greifswalder noch mithalten, brachen dann aber ein und verloren gegen den erst im Viertelfinale von Schalke 04 gestoppten BSV 92 klar und deutlich mit 0 zu 8.

Der Sommer 1937 gehörte dann den Feierlichkeiten zum 25-Jährigen Bestehen des Greifswalder SC von 1912. Zu den Jubiläumsspielen wurden drei Meister eingeladen. Der Meister der Kreisklasse und spätere Gauliga-Meister LSV Pütnitz, der Bezirksligameister „Graf Schwerin” Greifswald sowie der Gauligameister, der PSV Stettin. Doch ausgerechnet der Ortsrivale, die Militärmannschaft und Neu-Gauligist „Graf Schwerin“  gewann dieses Turnier. Neben der neuen eingleisigen Gauliga gab es noch Veränderungen auf lokaler Ebene. Die ehemals führende Mannschaft in Greifswald, der SC Preußen schloss sich dem Greifswalder Turnerbund an und lief in der Kreisliga als Greifswalder TB auf. Zudem gab es eine Personalie, die die Greifswalder positiv stimmt: Herbert Endrussat kehrte zum GSC zurück und wurde Spielertrainer bei den Rothosen. Eine interessante Randnotiz verkündete noch der Fußballverband: dem Greifswalder Publikum war es fortan verboten  während(!) des Spiels das Tor zu belagern.

Der Start in die neue Saison verlief glänzend. Mit nur zehn Mann angetreten, schlug der GSC den SV Preußen-Borussia Stettin, ein Verein der 1937 aus dem SC Preußen Stettin hervorgegangen war, mit 3 zu 2. Und mit der laut Greifswalder Zeitung „besten Abwehrleistung einer Greifswalder Mannschaft” wurde ein Punkt beim heimstarken Team aus Pommerensdorf entführt. Nach einer vermeidbaren Niederlage in Lauenburg gastierte endlich erstmals der Endspielgegner vom Pommernpokalfinale 1934 Victoria Stolp in Greifswald. 1.000 Zuschauer, darunter der Oberbürgermeister und Politgrößen aus Pommern, waren gekommen um diesem Spitzenspiel beizuwohnen. Der GSC erspielte sich die besseren Chancen und ging nach einem verwandelten Elfmeter durch Jasmund verdient mit 1 zu 0 in Führung. Nur Minuten später hatte Wickleder die große Chance alles klar zu machen, aber er semmelte einen Meter vor dem leeren Tor stehend, den Ball neben den Pfosten. Ein paar Minuten später schoss Juhnke vom amtierenden Pommernmeister das 1 zu 1, was auch den Endstand bedeutete. Voller Hoffnung auf eine Saison im oberen Drittel der Tabelle fuhren die Mannschaft und Fans mit Selbstbewusstsein und dem Zug zum Spiel beim SSC, den mittlerweile altbekannten Konkurrenten. Was hier folgte war aber eine Demütigung: mit sage und schreibe 10 zu 0 verloren die Rothosen ihr Spiel auf dem Richard-Lindemann-Sportplatz.

Am Sonntag, dem 7. November, kam es zum ersten Gauligapflichtspiel zwischen dem Armisten von Graf Schwerin und den Rothosen. Der GSC gewann vor 800 Zuschauern überlegen mit 4 zu 0. Dieses Heimspiel war der Auftakt zu fünf Heimspielen in Folge. Der GSC wollte sich in diesen Spielen natürlich ein Punktepolster für den Abstiegskampf besorgen. Nach einem Sieg und einer Niederlage wurde der Meisterschaftsanwärter Pommerensdorf empfangen. Trotz einer 1 zu 0 Führung gerieten die Greifen noch mit 1 zu 2 ins Hintertreffen. Als der Schiedsrichter dann auch noch vier Minuten zu früh abpfiff, kam es zu verbalen und non-verbalen Übergriffen. Zum letzten Heimspiel im Jahre 1937 empfing der GSC die Militärmannschaft aus Neustettin. Nachdem diese schon nach einer halben Stunde mit 1 zu 4 in Rückstand lagen, glaubten sie das Spiel nur noch durch körperliche Härte gewinnen zu können. Es folgten eine rote Karte in der ersten Halbzeit und ein früheres Abpfeifen des Schiedsrichters. Durch diese Maßnahme wollte Schiri Schuldt nach eigener Aussage die Rothosen vor körperlichen Schaden schützen. Nachdem die Neustettiner in der zweiten Halbzeit mit 1 zu 9 hinten lagen, liefen einige Neustettiner Spieler Amok, mit dem einzigen Ziel Greifswalder Spieler zu verletzten.

Das letzte Auswärtsspiel führte den GSC zum bis zum damaligen Zeitpunkt ungeschlagenen Pommernmeister Victoria Stolp. Auf dem Elysium in Stolp gewann der Underdog aus Greifswald mit einer „Glanzleistung der Taktik und des Mannschaftsgeistes” völlig verdient mit 3 zu 2. Vor 1.000 Zuschauern musste der GSC zwar auf Lotsch und Hinz verzichten, hatte aber den Wettergott auf seiner Seite. Auf dem schneebedeckten Boden hatten die Rothosen Vorteile, da nur Jasmund und Endrussat etwas „fülliger” waren. In der ersten zehn Minuten entwickelte Victoria einen riesen Druck aufs Greifswalder Tor aber Bölzke im Tor und Endrussat zwischen seinen Verteidigern wehrten alles ab. Mit seinem ersten Angriff, abgeschlossen durch einen 20-Meter-Schuss von Jasmund, erzielte der GSC das 1 zu 0. Aber auch nur fast, denn der Schiedsrichter annullierte aus unerfindlichem Grund diesen Treffer. Nun spielte nur noch eine Mannschaft; und das war der Gast aus Greifswald. Järvinen umspielte die komplette Stolper Abwehr und schoss zum 1 zu 0 ein. Aber zum zweiten Mal erkannte der Unparteiische das Tor nicht an. Mitte der Halbzeit war es dann aber endlich so weit; Jasmund erzielte das hochverdiente 1 zu 0. Doch noch vor der Halbzeit gelang den Stolpern der schmeichelhafte Ausgleich. Die zweite Hälfte begann mit einer Druckperiode der Victoria. Viele hundert Zuschauer versammelten sich nun hinter dem Tor der Rothosen und machten den Strafraum des GSC zu einem Hexenkessel. Die Mannen um Endrussat blieben aber ruhig und hielten an ihrer forschen Spielweise fest. Zwar gingen die Stolper noch mit 2 zu 1 in Führung, jedoch setzte dieser Rückstand weitere Kräfte frei, statt den Willen zu brechen. Järvinen markierte den Ausgleich und in seinem ersten Spiel schoss der jüngste Ligaspieler, der Greifswalder Labis, das entscheidende 3 zu 2! Die Stolper waren zum ersten Male geschlagen und der GSC sicherte Platz 5 zum Jahreswechsel.

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Die Rückrunde begann mit einer Niederlage gegen Graf Schwerin. Es folgte unter anderem eine 1-zu-7-Klatsche gegen den SSC und zwei Spiele in Stettin und Stolp, zu denen die Rothosen nicht antraten. Den Abschluss der Saison bildete ein 3-zu-0-Auswärtssieg beim Angstgegner PSV Stettin. Auf dem siebten Platz und mit neun Punkten Vorsprung auf die Absteiger Graf Schwerin Greifswald sowie MSV Neustettin beendete der GSC die Saison 1937/38. Es war die letzte Saison der eingleisigen Gauliga Pommern.